Frühmittelalter (6. Jahrhundert bis Anfang/Mitte 11. Jahrhundert)

Die Anfänge unseres Ortes mögen in dieser Zeit liegen. Sichtbare Zeugnisse frühester Besiedlung gibt es nicht. Spuren finden sich heute nur noch in Flurnamen. Nordwestlich des Ortes, in einer Entfernung von etwa 1.000 Metern (nahe dem heutigen Freibad) gibt es in enger Nachbarschaft den „Kreuzrain“, „Die Kapelle“, „Die Kreuzwiese“, „Das Rosmaringärtchen“ und den „Mönchsgraben“. Die Häufung dieser Begriffe kann kein Zufall sein. Hier lassen sich die Anwesenheit und der Besitz von Geistlichen der damaligen Kirche vermuten. Tatsächlich fällt in diese Zeit eine Landschenkung Karl des Großen an das Kloster Hersfeld. Das heutige Stadtlengsfeld lag nahe an der südlichen Grenze dieser Schenkung.

Im heutigen Stadtgebiet lautete ein heute nicht mehr präsentes Flurstück „Die Johanniskapelle“ (zwischen „Neue Straße“ und „Burgstraße“). Dies könnte ein Kirchlein vor der Errichtung der heutigen evangelischen Kirche gestanden haben. Schließlich deutet das „Pfaffental“ auf eine Herberge hin, in der Wanderprediger der Reichsabtei Fulda oder des Klosters Hersfeld Quartier nahmen.

 

Hochmittelalter (Anfang/Mitte des 11. Jahrhunderts bis ca. 1250)

Es gibt noch wenige sichtbare Spuren aus dieser Zeit. Zu nennen ist der Turm der evangelischen Kirche, der im oberen Teil romanischen Baustil erkennen lässt. Wann der Turm tatsächlich errichtet wurde, kann nicht belegt werden. Sehr ungewöhnlich ist sein Standort unmittelbar an der Stadtmauer.  So lässt sich vermuten, dass ihm einst eine Funktion in der Stadtbefestigung zugedacht war. Tatsächlich gibt es ein Turmöffnung (ähnlich einer Schießscharte) zur ehemaligen Stadtmauer hin.

Aus dieser Zeit stammt auch das Stadtwappen. Es zeigt die hl. Margaretha mit dem Schild der Fürstabtei Fulda und zunächst einem Palmzweig, der später durch einen Kreuzstab ersetzt wurde. Das sind untrügliche Anzeichen, dass die Stadtwertung unter der Ägide der Reichsabtei Fulda begann.

Kirchturm der ev. Kirche

Stadtsiegel 1338

Stadtwappen

 
 Spätmittelalter (ca. 1250 bis ca. 1500) 

 Mit dem Bau der Stadtmauer wurde wohl um 1260 begonnen. Vermutlich geschah das auf Weisung des Fuldischen Fürstabtes Bertho II von Leibolz. Er musste sich immer öfter der räuberischen Einfälle thüringischer Adliger (verarmter Adel, Raubritter, z.B. die Frankensteiner) erwehren. In der Folge ließ er einige Orte in der thüringischen Rhön befestigen. Von diesem wehrhaften Werk sind in Stadtlengsfeld nur noch Reste erhalten (am Burgplatz, am Obertor, im Pfarrgarten).

Die Mauer hatte eine Länge von etwa 950 Meter. Das durch sie geschützte Stadtgebiet betrug etwa 200 Meter von SW nach NO und etwa 250 Meter von NW nach SO. Es gab das Obertor (am heutigen „Türmchen“) und das Untertor (am ehemaligen Postgebäude). 1820 wurde mit dem Abriss der Tore und der Mauer begonnen.

 

Stadtmauerrest am Burgplatz

Wallgraben im Pfarrgarten

 

Die Burg entstand ebenfalls in dieser Zeit. Ursprünglich war sie eine Wasserburg mit vier wehrhaften Türmen. Nach dem Dreißigjährigen Krieg und um 1800 geschahen größere Um- und Ausbauten.

 

Ansicht der Wasserburg um 1800

Frühe Neuzeit (Ende 15. Jahrhundert bis zum Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert)    

 

 

Ludwig von Boineburg ergreift um 1500 Besitz von Lengsfeld, Weilar und Gehaus. Sein Wohnsitz ist die Alte Burg, die durch einen Wassergraben und vier Türmen wehrhaft geschützt ist.

Den Bauernkrieg überstand die Stadt ohne größere Folgen. Boineburg öffnete den aufständischen Bauern unter Sippel die Stadttore und erkannte die Forderungen der Bauern vorläufig an.

Sein Sohn Georg ließ die Straßen, Gassen und Plätze der Stadt mit Basaltsteinen (sogenannte Katzenköpfe) pflastern. Von diesem ehemaligen Pflaster sind nur noch Reste erhalten.

Er erwirkte bei Kaiser Karl V. die Genehmigung von drei Jahrmärkten, um die wirtschaftliche Situation der Stadt zu verbessern.

 

Wassergrabenrest

Nordturm

  Um 1500 siedeln sich erste Juden in Lengsfeld an. Sie erwarben am Roten Graben ein Stück Land für eine Begräbnisstätte.

 

Jüdische Grabsteine

 

Die Reformation macht auch um die Stadt Lengsfeld keinen Bogen. Boineburg stellte sich früh auf die Seite der Lutheraner, auch um die Ansprüche Fuldas abzuwehren. Schon früh ließ er zu, dass Gottesdienste sowohl im katholischen wie auch im lutherischen Sinne abgehalten werden. Aus Geisa geflüchtete Protestanten gewährte er in den Mauern der Stadt Zuflucht und Schutz. Um 1530 gilt die Reformation in der Stadt Lengsfeld als eingeführt. An der Kirche erfolgen umfangreiche Um- und Ausbauten.

Im Dreißigjährigen Krieg (1618 bis 1648) fielen mehrere Male Kroaten plündernd, mordend und brandschatzend in die Stadt ein. Pestjahre und Hungersnöte dezimierten die Einwohnerzahl dramatisch. Diesen Glaubenskrieg überlebten in Lengsfeld nur 18 Familien.

 

Romanisches Fenster

Gotisches Fenster

Altarraum

 

 

 

 

 

Kreuzgewölbe im Altarraum

Jahreszahl 1520

 
   Verlässliche Hinweise auf ein umfangreiches Zunftwesen tauchen in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts auf. Folgende Zünfte lassen sich nachweisen: Bäckerzunft, Schmiede-, Schlosser- und Wagnerzunft, Leinweber-, Barchentweber- und Zeugmacherzunft und die Bierbrauerzunft. Einziges sichtbares Zeugnis dieses Zunftwesens ist die Braugasse, wo sich ein städtisches Brauhaus befand.

 

Die Braugasse

   

Am Ende des 17. Und im 18. Jahrhundert mag die Stadt einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt haben. In dieser Zeit errichtete sie am Frauenberg ein städtisches Frauenhaus. Es besitzt ein Mansarddach, welches in dieser Zeit besonders populär war. Das Mansarddach hatte den Vorteil, dass in diesem Gebäudeteil mehrere Wohngeschosse untergebracht werden konnten, ohne dass diese Wohnungen merkliche Dachschrägen aufwiesen und steuerlich bemessen wurden. Wie lange dieses Haus ausschließlich oder teilweise in Nöten geratenen Frauen diente, ist nicht mehr feststellbar. Oft wurden solche Frauenhäuser an den Scharfrichter verpachtet. Dieser ist in der Stadt Lengsfeld in der Zeit der Hexenverfolgungen und der Hexenprozesse nachweisbar. Wahrscheinlich war dieses Haus lange Zeit auch den Ärmsten unter den Einwohnern vorbehalten. In verschiedenen Akten ist von einem Armenhaus bzw. Armenwesen die Rede.

 

 

 

Marktplatz mit Frauenhaus um 1910

Das Frauenhaus um 1970

  Die jüdische Gemeinde, die inzwischen auf etwa 800 Mitglieder herangewachsen war, errichtete neben der Synagoge eine eigene Schule.

 

Ehemalige jüdische Schule (links), Ehemalige Synagoge (rechts)

 

Der Bau des sogenannten „Lustschlösschens“ im parkähnlichen Lustgarten, der sich nördlich von der Burg bis zur heutigen Eisenacher Straße befand, fiel wohl auch in diese Zeit.

 

Der ehemalige Lustgarten, im Hintergrund das Gartenhaus.

Das Gartenhaus 1918

Das restaurierte Haus 2015

 

1780 musste das erst 1536 errichtete Kirchenschiff wegen Baufälligkeit abgerissen werden. Das neue Kirchenschiff im klassizistischen Stil wurde 1790 eingeweiht. Durch das Mansardendach war es möglich, zwei aus Holz bestehende Emporen einzubauen. Die heutige Orgel wurde 1793 vom Orgelbauer Johann Markus Oestreich geschaffen. Sie hat zwei Manuale, ein Pedal und 30 klingende Register.

 

Das Kirchenschiff von 170

 

 

 

 

Die Frühe Neuzeit endet um 1800 mit der Auflösung des Heiligen Deutschen Reiches Deutscher Nation mit der Besetzung der deutschen Länder durch Napoleon. Die Stadt Lengsfeld gehörte von 1807 bis 1814 zum Königreich Westfalen/Departement der Werra/Distrikt Hersfeld.

Begünstigt durch die Ideen der französischen Revolution erzwingen die Einwohner von Lengsfeld, Weilar und Gehaus 1848 die Abschaffung der Patrimonialgerichtsbarkeit. Die entsprechende Petition an die Freiherren von Boineburg und von Müller wurde maßgeblich vom Metzger Adam Pertermann ausgearbeitet. Sein Wohnhaus wurde später die Gastwirtschaft in der Eisenacher Straße. Dieses Gebäude wurde nach 1989 abgerissen.

 

Die ehemalige Pertermann'sche Gaststätte (Mitte)

Neuere Geschichte

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1850 einigen sich die christliche und jüdische Gemeinde auf die Bildung einer vereinigten Bürgerschule. Fortan werden in der Stadt Lengsfeld alle Kinder gemeinsam von christlichen und jüdischen Lehrern unterrichtet. Diese Schule war beispielgebend für nachfolgende Schulvereinigungen.

Siegel der vereinigten Bürgerschule 1860

Zahlreiche Epidemien (Typhus, verursacht durch verunreinigtes Brunnenwasser) machen den Bau eines Krankenhauses notwendig. Es entstand 1869/1870 am heutigen Alleeweg.

Das ehemalige städtische Krankenhaus

Als sich um 1870 eine wirtschaftliche Verbesserung in der Stadt abzeichnete - es entstanden u.a.  eine mechanische Weberei, eine Ziegelei, eine Holzwarenfabrik - warf eine Brandkatastrophe 1878 die Stadt um Jahre in ihrer Entwicklung zurück. Dem Brand fielen alle öffentlichen Gebäude, wie die christliche Schule am Kirchberg, das Amtshaus und die Telegrafenstation in der Amtsgasse, das sogenannte „Rote Haus“ am Markt und weitere 60 Wohnhäuser mit Nebengebäuden   zum Opfer. Eine Auswanderungswelle dezimierte die Einwohnerzahl auf den niedrigsten Stand seit dem Dreißigjährigen Krieg (1.200 Einwohner).

Die Brandstelle Amtsgasse, Sack und Kirchberg

1879 erhält die Stadt einen Bahnanschluss durch die meterspurige Schmalspurbahn durch das Feldatal. Sie war die erste Bahn in dieser Bauweise in Deutschland und entscheidend für die wirtschaftliche Entwicklung auch unserer Stadt. Reste des einstigen Bahndammes (die Gleise verliefen sonst meist auf der Trasse der Straße von Dorndorf nach Kaltennordheim) sind heute noch neben der Normalspurtrasse von der Fußgängerbrücke über die Felda bis zur Gehauser Straße vorhanden. Der Bahnhof befand sich in der heutigen Dermbacher Straße. Das einzige noch erhaltene Gebäude auf der ehemaligen Bahnhofsanlage ist das Bahnhofshotel unmittelbar unter dem Mauerrest des jüdischen Friedhofes.

Da der Stadtbrand auch die christliche Schule am Kirchberg vernichtete, musste ein neues Schulhaus gebaut werden. Es entstand nach den Plänen des Eisenacher Baurates Dittmar unterhalb der evangelischen Kirche. Dieses Schulhaus wurde 1881 seiner Bestimmung übergeben.

Ansicht der Bürgerschule 1916

Das Schulhaus 2015

Auf dem Platz des abgebrannten Amtshauses entstand das ehemalige Amtsgericht.

Das ehemalige Amtsgericht

Der Gefängnistrakt im Hof des Amtsgerichtes

Das ehemalige Rathaus am Burgplatz

Neue Hoffnung auf bessere Lebensverhältnisse keimt in der Stadt Lengsfeld auf, als 1898 mit dem Bau einer Porzellanfabrik auf dem Gelände der Rasenmühle begonnen wird. Die ersten Gebäude werden aus den Steinen der abgerissenen Zuckerfabrik aus Dermbach errichtet.

Ansicht der Porzellanfabrik um 1900

Ansicht des Porzellanwerkes um 1975

 

Im Menzengraben beginnen 1911 Abteufungen der Kalischächte „Großherzog von Sachsen II und III. Zwei Jahre später wird südlich von Stadtlengsfeld mit der Abteufung des Kalischachtes „Großherzogin Sophie“ angefangen. Die Arbeiten werden 1922 in einer Tiefe von 85 Metern endgültig eingestellt.

 

Abteufungen der Schächte II und III in Menzengraben

 

Der erste Weltkrieg fordert 79 Opfer unter den Einwohnern. Ihnen setzte man 1925 ein Denkmal.

 

Denkmal für die Opfer der Weltkriege und des Nationalsozialismus

 

Neueste Geschichte (Zeitgeschichte)

             
 

Nach dem ersten Weltkrieg beginnt eine Wohnungsbaugenossenschaft mit dem Bau mehrerer Wohnhäuser im Borntal und in der Rothäuser Straße, um die größte Wohnungsnot zu beseitigen.

 

Ehemalige Wohnungsbaugenossenschaftshäuser in der Rothäuser Straße

 

Unter dem Bürgermeister Adolf Hörle entsteht am Alleeweg 1932 ein neuer Kindergarten.

 

Ansicht des Kinderheimes 1932

 

Mit dem Neubau der Normalspurbahn 1934 im Feldatal wird in Stadtlengsfeld am Porzellanwerk ein neuer Bahnhof gebaut.

 

Ansicht des neuen Bahnhofes 1934

 

In der Pogromnacht 1938 verwüsten Nationalsozialisten der Synagoge und Teile des jüdischen Friedhofes. Die letzten Juden verlassen die Stadt. Die Synagoge wird zu einem Wohn- und Geschäftshaus umgebaut.

 

Verwüstete Synagoge nach der

Popgromnacht 1938

 

Nordwestlich der Stadt, gegenüber der Schneidemühle, wurde 1942 das Freibad fertiggestellt.

 

Das Schwimmbad 1942

Ansicht des Schwimmbades 2015

 

Ebenfalls in diesem Jahr ist der Umbau des ehemaligen Schützenhauses am Turnrasen zu einer Mehrzweckhalle (Veranstaltungssaal, Kino, Turnhalle) beendet.

 

Ansicht der Stadthalle 1964

Der Zweite Weltkrieg fordert 189 Todesopfer unter der Bevölkerung. 140 Soldaten sterben an den Fronten. 49 jüdische Einwohner werden ermordet. Ihnen allen wird in der Denkmalanlage auf einer zusätzlich errichteten Tafel gedacht.

 Im Obertor (gegenüber des Schulhauses) wurde um 1955 die einstige Gastwirtschaft „Zur Sonne“ mit Ratssaal, später Konsumverkaufsstelle, zu einem „Konsum - Landwarenhaus“ (Lebensmittel, Fleischerei, Schuhe und Textilien) umgestaltet.  

Die ehemalige Gaststätte "Zur Sonne" 1912

Das ehemalige Landwarenhaus 1952

Nordwestlich der Stadt entstand ebenfalls im gleichen Jahr ein neues Wohngebiet im Märzenborn, in der Karl - Marx - Straße und Friedensstraße.   

Ehemalige "Holzhäuser" in der Karl - Marx - Straße

Arbeiterwohnungsgenossenschaftshäuser in der Friedensstraße 1980

Das Wohngebiet "Märzenborn"

 

 In der Eisenacher Straße wurde ein alter Schafstall zu einem modernen Lichtspieltheater umgebaut und 1955 eingeweiht.  

der Schafstall um 1950

Der Haupteingang zum Kino um 1960

Die "Felda - Lichtspiele"

1967 vernichtet ein Großbrand Teile der Porzellanfabrik. 1969 begannen die Arbeiten mit dem Bau einer neuen Produktionshalle.

 

Brennbetrieb in der neuen Produktionshalle

 Zwischen 1970 und 1974 entstanden am Porzellanwerk ein neuer Kindergarten und eine neue Kinderkrippe.  

Neuer Kindergarten

Neue Kinderkrippe

 

 In der Dermbacher Straße nimmt 1977 der Konsum - Backwarenbetrieb die Produktion auf.

 

Konsum - Großbäckerei in der Dermbacher Straße

 Ein neues Schulgebäude wurde 1984 in der Eisenacher Straße errichtet.

 

Das neue Schulhaus in der Eisenacher Straße

Über die Felda wurde 1996 eine neue Brücke gebaut.

 

Feldabrücke vor 1933

 

Feldabrücke um 1985 bei Hochwasser

  

Die 1996 erbaute Feldabrücke

 Der alte Fußsteg über die Felda wird 2015 durch eine barrierefreie Fußgängerbrücke ersetzt.

 

Die neue Fußgängerbrücke